Interview zweier Gesellschafter im Private Banking Magazin: Transformatives Kapital – Profit Beyond Profit

„Transformatives Kapital bewirkt direkt gesellschaftlichen Nutzen“

 

private banking magazin: Herr Haake, was verstehen Sie unter dem Begriff der positiven Insolvenz?

Stefan R. Haake: Stiftungen haben, von der Verbrauchsstiftung mal abgesehen, qua Gesetz die Auflage, das Stiftungsvermögen ungeschmälert für die Ewigkeit zu erhalten. Ob real oder nominal, darüber wird oft und erbittert gestritten. Fakt ist, dass schon die Inflation Jahr für Jahr den Kapitalstock schmälert. Fügt man der Gleichung die Komponenten Negativzinsen und mündelsichere Anlagerichtlinie hinzu, ist das Desaster perfekt: Die Stiftung hat zwar Kapital, darf sich aber daraus nicht bedienen – weder für den Erhalt ihrer Leistungsfähigkeit, also für Verwaltungskosten, noch für die Erfüllung ihrer Zwecke aus der Stiftungssatzung. Sie sind also quasi finanziell leistungsunfähig, und das bei vollen Kassen. Daher der Begriff positive Insolvenz.

Was wäre die Lösung in so einem Dilemma?

Ferenc von Kacsóh: Die eine Lösung gibt es pauschal nicht. Wir können nur feststellen: Zwei Drittel der rechtsfähigen Stiftungen in Deutschland verfügt über einen Kapitalstock von weniger als eine Million Euro. Damit unterschreiten sie unter den heutigen Umständen meist das Existenzminimum. Es mag Ausnahmen geben, aber das ist eher homöopathisch. Naturgemäß haben diese kleinen Stiftungen erheblich mehr unter Negativzinsen zu leiden als die großen Stiftungen, für die das Gesetz der Masse greift.

Was schlagen Sie vor?

von Kacsóh: Tatsächlich sehen wir – vor allen anderen Ansätzen – zwei Wege aus der Misere. Erstens: das grundsätzliche Nachdenken der Stiftungen und Stiftungsaufsichten darüber, wie es mit dem Stifterwillen in Einklang zu bringen wäre, diese kleinen Stiftungen mit zweckidentischen oder zweckähnlichen Parallel-Stiftungen zu fusionieren, sie in Verbrauchsstiftungen umzuwandeln, oder zumindest einen zeitlich begrenzten Teilverbrauch zu genehmigen. Die positive Insolvenz schließen wir als Stifterwillen jedenfalls aus, da sie den Tod im Stillstand für die Stiftung und damit der gemeinnützigen Zweckverfolgung zur Folge hat.

Haake: Da liegen die rechtlichen Hürden allerdings sehr hoch. Das muss man schon hervorragend argumentieren. Tatsächlich ist es so, dass die Stiftungsaufsichten sich vehement dagegen wehren können. Hier Brücken zu bauen ist unser persönlicher Anspruch.

Warum wehren sich die Aufsichten so vehement?

von Kacsóh: Die Stiftungsaufsicht übt eine sogenannte hoheitliche Aufgabe aus, deswegen dürfen dort auch nur verbeamtete Staatsdiener arbeiten. Es geht ja um Steuerbegünstigung, das heißt diese Beamten verantworten einen Erlass eigentlich zu zahlender Steuern. Was die wenigsten wissen: Dafür tragen sie eine persönliche Amtshaftung. Diese macht sie risikoscheu und erklärt, warum so viele den ihnen zur Verfügung stehenden Spielraum ablehnen.

Und der zweite Ansatz?

von Kacsóh: Ist das Einwerben frischer Mittel über strukturierte Fundraising-Maßnahmen.

Also Spenden einsammeln?

von Kacsóh: (lacht) Nein. Fundraising ist weit mehr als das. Es ist das Einwerben von Zuwendungen in den Kategorien Geld-, Sach- und Zeit-Zuwendungen. Sachspenden sind klar. Zeitspenden können bei der ehrenamtlichen Mitarbeit anfangen und gehen bis hin zu Beratertagen durch Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten, die auf die Bezahlung ihres Honorars verzichten. Geldzuwendungen klingen am Einfachsten, sind aber tatsächlich das Vielfältigste, weil es die meisten Möglichkeiten gibt.

Als da wären?

Haake: In den vergangenen Jahren ist immer häufiger von wirkungsorientierten Anlagen zu lesen. Impact-Investment-Stammtische haben sich etabliert, auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen ist hier sehr umtriebig. Trotzdem haben viele ein Problem damit, weil sie sich außer Stande sehen, diese Wirkung tatsächlich messbar zu machen. Zu diesen wirkungsorientierten Anlagen gehört auch das transformative Kapital. Bei Fördergeldern ist dieser von uns geprägte Begriff besonders zutreffend: Geldmittel – in diesem Fall Steuergelder oder Mittel für Förderprojekte von Stiftungen – werden so eingesetzt, dass sie eine direkte zivilgesellschaftliche Veränderung bewirken. Sie sparen sich also den Umweg, zuvor nochmals monetäre Rendite erwirtschaften zu müssen. Die gesellschaftliche Wirkung selbst ist die transformative Rendite.

von Kacsóh: Prägnant ausgedrückt: Profit Beyond Profit.

Hört sich an wie Impact Investment.

von Kacsóh: Das ist es aber gerade nicht. Der Unterschied liegt darin, dass Impact Investment – etwa Mikrokredite – zurückgeführt werden müssen, nebst einem gewissen, wenn auch noch so geringen, Zinssatz. Dadurch ist dort der wirtschaftliche Erfolg Basis für gesellschaftliche Veränderung. Transformatives Kapital bewirkt aber selbst die gesellschaftliche Veränderung, der wirtschaftliche Erfolg ist dann sozusagen das nachfolgende Nebenprodukt.

Haben Sie ein prägnantes Beispiel?

Haake: Wenn ein Automobilhersteller beschließt, in einem Werk nur noch Elektro-Autos zu bauen und auf eine digitale Produktion umzustellen, hat das Auswirkungen auf die Mitarbeiter. Die sind dafür nicht wirklich auf allen Ebenen geschult. Um sie nicht entlassen zu müssen, investiert der Hersteller Kapital in deren Ausbildung und Umschulung. Das Kapital bewirkt eine Transformation, die gesellschaftliche Wirkung besteht darin, dass die Menschen ihre Arbeit behalten. Mit zeitlichem Versatz profitiert die Umwelt durch weniger Abgase. Zudem bleibt der Wirtschaft die Konsumleistung der nicht arbeitslos gewordenen Mitarbeiter erhalten.

Das klingt komplex und schwer zu realisieren?

von Kacsóh: An diesem Beispiel möchte ich zweierlei verdeutlichen: Es zeigt, was transformatives Kapital konkret bewirken kann. Andererseits muss es mit einer gelungenen und hochprofessionellen PR- und Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden – sei es zur Kommunikation der Erfolge, sei es als Basis für das Fundraising.

Haake: Man kann es so sehen: PR-Kommunikationsstrategie und Fundraising als die eine, transformatives Kapital und Wirkung als die andere Seite derselben Medaille. Allerdings: Diese Medaille hat paradoxer Weise zwei gleiche Seiten, auf der jeweils alle Aspekte verschmolzen zu sein scheinen.

von Kacsóh: Eine unbequeme Wahrheit gehört ebenfalls dazu: In Zeiten andauernder Negativzinsen sehen wir es als notwendig an, über regulatorische Änderungen nachzudenken. Zum einen muss es möglich sein, Rendite auch anders als rein monetär zu definieren, ohne sofort in Gefahr zu geraten, dass die Gemeinnützigkeit aberkannt wird. Zum anderen sind professionelle Stiftungsmanager im Ehrenamt nicht zu haben, schon gar nicht unter den gegebenen Haftungsrisiken. Das hat aber zur Folge, dass die Verwaltungskosten gemeinnütziger Organisationen erheblich steigen. Bei den zwei Dritteln der Stiftungen mit einem Kapitalstock unter einer Million Euro bedeutet das schnell, dass Niedrigzins-Kapitalertrag eventuell nicht einmal für die Verwaltungskosten reichen könnte.

Was braucht es an Zutaten, um transformatives Kapital einzuwerben?

Haake: Ein Faktor, den Herr von Kacsóh zuvor erwähnte, kommt hier stark zum Tragen: Ohne die Glaubwürdigkeit, dem Vertrauen in die Marke Stiftung im Allgemeinen und die damit verbundene Notwendigkeit einer permanenten PR- und Öffentlichkeitsarbeit kann kein transformatives Kapital eingeworben werden. Das ist insbesondere dadurch begründet, dass es keine schnellen Renditen zeitigt, sondern auf besonders langfristige Prozesse setzen muss. Ob dies auf einer Identifikationsfigur, eine besondere Medienpräsenz oder einem integrativen Gesamtkonzept fußt, ist dabei zweitrangig. Es macht aber auch klar wie divers, vernetzt und heterogen die Lösungsansätze sind.

von Kacsóh: Korrekt. Die Marke ist eben auch ein direktes Spiegelbild der Stiftung und ihrer Stakeholder. Welche gemeinnützigen Organisationen können das schon ohne Kooperationen oder gar alleine stemmen? Wie in allen Bereichen der Disruption im Stiftungswesen können Trusted Advisors helfen. Diese kosten vielleicht Geld, bringen aber Mehrwert, wenn Vertrauen und Loyalität Grundlage ihres Handelns sind. Und zwar unabhängig davon, ob es sich um selbst gemeinnützig agierende Institutionen handelt oder vernetzt agierende Spezialinstitute wie beispielsweise ein echtes, unabhängiges Family Office oder in Zukunft eine Bank für Stiftungen.

Was ist Ihr Fazit?

Haake: Frei nach dem Zitat des teils umstrittenen aber visionär agierendem Studienleiters und Gründers des sogenannten Vorkurses des Bauhauses, Johannes Itten: „Uns allen muss klar sein, dass heute die Stunde null ist, denn niemand weiß wie radikal die Veränderungen des neunen Jahrhunderts noch sein werden, aber eines weiß ich sicher: Mit den alten Mitteln lässt sich diese Zukunft nicht gestalten. Eine starke Gemeinschaft besteht aus starken Individuen, die ihre eigenen Ideen entwickeln und nicht die der alten Eliten.“ Der Begriff des transformativen Kapitals beschreibt die Möglichkeit, Kapital direkt in gesellschaftlichen Nutzen umzuwandeln, ohne den Umweg, nochmals monetäre Rendite erwirtschaften zu müssen. Diese Kombination aus bekannten Mitteln zu etwas Neuem wird dabei den Herausforderungen gerechter als stets alte, neu formulierte Antworten auf gänzlich neue Fragen zu geben.

von Kacsóh: Dazu sollten sich die Stiftungen mehr denn je verbünden und ihr Potenzial nutzen, um regulatorische Änderungen herbeizuführen. Sicher, eine Stiftung hat den Ewigkeits-Charakter. Das ist auch gut so. Das darf aber keineswegs bedeuten, dass sie in alle Ewigkeit – zur Mumie erstarrt – vor sich hin verstauben soll. Im Gegenteil: Eine Stiftung kann ihren Auftrag nur dann erfüllen, wenn ihr eine gewisse Flexibilität zur Anpassung in unserer sich rapide verändernden Welt gewährt wird. Nur dann kann sie – lebendig und agil – ihre vom Stifter gegebenen Zwecke verwirklichen.

 

Dieses Interview ist erschienen am 29. Oktober 2019 im Private Banking Magazins

Autor: Ferenc von Kacsóh
Ferenc von Kacsóh - Unternehmer, zertifizierter Stiftungsmanager (EBS), Dozent und Netzwerker - hat nicht nur über 25 Jahre Führungserfahrung, sondern hat auch Hoteliers als Unternehmerberater in herausfordernden unternehmerischen Phasen begleitet. Neben Service Excellence und strategischer Geschäftsentwicklung spielten (Hotel-) Immobilien schon immer eine große Rolle. Das Interesse an Menschen und ihren Beweggründen hinter den Verhaltensweisen ließ ihn Fortbildungen absolvieren, die prima vista so gar nichts mit dem Ursprungsberuf zu tun hatten. Als Co-Founder und Prokurist der PARITER|fortis Family Office Sozietät koordiniert der heute 50-Jährige die Projekte der Themenbereiche Kapitalvermittlung, Hotels, Immobilien, Stiftungen und Consulting.
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