Gastbeitrag im Private Banking Magazin: Steigende Erwartungen – Wenn Bankern der BurnOut droht

Ob Work-Life-Balance, New Work oder das Märchen vom Multitasking:

unsere Leistungskultur treibt seltsame Blüten – und manchen in den Burnout. Denkanstöße, wie Berater ihn vermeiden können, ohne den Anspruch an exzellenten Service aufzugeben.  

 

In der Vorbereitung des Artikels habe ich oft – begleitet von einem gequälten Lächeln – den Satz „Ja, wenn es denn so einfach wäre!“ gehört. Dazu zitiere ich gerne einen geflügelten Satz unserer Tage: „Machen ist wie Wollen – nur krasser!“

 

1) Doch zunächst: Was ist ein „BurnOut“? 

Was prima vista wie eine einfache Frage tönt, ist tatsächlich unmöglich in einem Satz zu beantworten. Das hat v.a. etwas mit dem Wesen des „BurnOut“ zu tun… und den Folgen, die sich daraus ableiten. 

Zuallererst ist „BurnOut“ keine Krankheit im herkömmlichen Sinne, sondern ein sog. „multidimensionales Geschehen“ – es spielt sich immer und zeitgleich auf der körperlichen, seelisch-emotionalen und der psychischen Ebene ab. Schon hier treffen Schulmediziner auf die erste Hürde: die Diagnose.

Als sei das nicht schon herausfordernd genug, ist es auch noch ein phasisches Geschehen – es wechseln sich Phasen unterschiedlich schwerer Symptomatik mit Phasen der vollständigen Symptomlosigkeit ab. Der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung prägt unseren Lebenszyklus – ob das sich in einem für den Menschen noch gesundem Umfang abspielt, hängt u.a. davon ab, auf welchem Level wir uns gerade bewegen, welche Spitzen wir dabei erreichen, und ob bzw. wie der Wechsel (noch) funktioniert.

Last but not least: mittlerweile werden dem Geschehen „BurnOut“ über 300 verschiedene Symptome zugeordnet, die – jedes für sich alleine, oder in anderem Kontext – auch für ganz andere Erkrankungen stehen können. 

Da wundert es also kaum, dass Hausärzte und klinische Psychiater sich in das einzige flüchten, das sie bei der Krankenkasse abrechnen können: eine „Erschöpfungsdepression“. Dass sich bei dieser „Diagnose“ auch gleich ein paar Psychopharmaka verschreiben lassen, die die Symptome zwar lindern mögen, aber die Ursachen hübsch unangetastet lassen, erscheint dann „praktisch“, nicht wahr? Leider nutzt das den Patienten keineswegs wirklich.Sachlich betrachtet, kann die „Diagnose Erschöpfungsdepression“ zwar tatsächlich zutreffend sein: allerdings nur als finales Stadium eines „BurnOut“. – Bis dahin sind es aber viele Phasen, und jede einzelne bietet die Chance – durch bewusste Entscheidungen und Änderung der persönlichen Lebensweise – den Teufelskreis zu verlassen und die Salutogenese einzuleiten.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Weltgesundheitsbehörde (WHO) das Geschehen „BurnOut“ nicht nur lange ignoriert hat – tatsächlich hat die WHO es erst mit dem Erscheinen des neuen ICD-11 im April 2019 mit der Ziffer QD85 überhaupt kodifiziert. – Allerdings keineswegs als eigenständige Erkrankung, sondern lediglich als „Phänomen des beruflichen Umfeldes“, als „chronic workplace stress that has not been successfully managed“. Frappierend ist die Schlussbemerkung, welche „BurnOut“ ausschließlich dem Arbeitsumfeld zuweist, und diese Diagnose in anderen Lebensbereichen verbietet.

Die Stigmatisierung der durch das Geschehen „BurnOut“ Betroffenen in unserer heutigen Leistungsgesellschaft leitet sich einerseits aus einem fehlgeleiteten Wettbewerbsprinzip ab, das uns allen durchaus vertraut sein dürfte. Wer sich diesem Prinzip verweigert, insbesondere in Vertrieb und Management, wird sehr schnell (weg)gemobbt. Andererseits kann die von Effizienz und Wachstum getriebene Wirtschaftswelt sich auch nur begrenzt sozial zeigen und Leistungsschwache bzw. -verweigerer alimentieren – zumal Menschen gerne den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Dabei macht das Leistungsprinzip auch vor dem Privatleben keineswegs halt: wer hat den/die attraktivere/n Partner/in, die klügeren Kinder, die bessere Ausbildung, den schöneren Urlaub, vollbringt in der Freizeit sportliche Höchstleistungen etc.? Sich mit anderen vergleichen zu wollen liegt in der menschlichen Natur. Insofern ist die Definitionsbeschränkung der WHO, bezogen auf das Geschehen „BurnOut“, durchaus zu hinterfragen.

 

2) Mögliche Präventionsmaßnahmen im Alltag

Natürlich bin ich mir bewusst, dass wir alle vielerlei Zwängen des Alltags unterliegen. Doch den Grad dessen wie sehr, das können wir selbst durch unsere Haltung, unsere Entscheidungen und unser Handeln beeinflussen. Und nur(!) wir selbst, niemand anderes. Wir sollten uns nur klar darüber werden, dass unser Handeln immer Konsequenzen zeitigt, und diese auch mutig tragen.

Welche Möglichkeiten also gibt es? Im Kern sind es nur zwei einfache, aber entscheidende Dinge, die beide unsere innere Einstellung zu uns selbst abbilden: das Sich-Seiner-Selbst-Bewusst-Sein und die Selbst-Wertschätzung. Wer sich seiner Selbst bewusst ist, ruht in sich und wertschätzt sich selbst. „Wenn wir uns selbst nicht wertschätzen – wie soll da draußen sich jemand finden, der einen mag, der sich selbst nicht mag?“ – Resonanzprinzip. Aus dieser grundsätzlichen inneren Einstellung leitet sich alles andere ab. 

Was ist „alles andere“? Das sind u.a. die Themen Atmung, Bewegung, Ernährung, Kochen, Grenzziehung, Betreutes Leben in Echokammern, Schlaf, Zeit-Management u.v.m.

Atmung: für die meisten Menschen ist die Atmung etwas, worüber sie nicht weiter nachdenken. Kein Wunder: der Atemreflex wird über einen Teil des vegetativen Nervensystems gesteuert – es passiert einfach. Durch bewusste Atmung können wir unsere Herzfrequenz und unseren Blutdruck steuern, die Sauerstoffversorgung unseres Gehirns, und unseren psychischen Erregungsgrad. Kurz: viele Stress-Symptome können wir bereits durch unsere Atmung kontrollieren und abmildern. 

Bewegung: durch maßvolle sportliche Betätigung steuern wir die Ausschüttung der Glückshormone und schwemmen über den Schweiß giftige Abbauprodukte des Stoffwechsels aus. Bewegung bringt also Stoffwechsel und Hormonhaushalt in Schwung, und hilft den Organen, Giftstoffe zu entsorgen. Doch am besten wäre es, gar keine Giftstoffe aufzunehmen.

Damit sind wir auch schon bei der Ernährung: sie ist mehr als nur das Hineinschütten von Speisen und Getränken. Vielmehr sollte es die bewusste Aufnahme von Lebensmitteln in unseren Körper sein. Da es der einzige Körper ist, den wir in diesem Leben haben, sollte man meinen, dass es eine Selbstverständlichkeit sei, dass wir darauf achten, was wir in unseren Körper hineinlassen. Wie kann es uns also egal sein, wie ein Tier, dessen Fleisch wir essen wollen, gelebt und gestorben ist, oder ob Gemüse mit krebserregenden Stoffen behandelt oder genmanipuliert wurde? Eine Frage der Selbst-Wertschätzung.

Kochen: ist mehr als die bloße Zubereitung von Speisen. Wer Kochen als pure Lebensfreude begreift, als einen Akt der Selbst-Wertschätzung, investiert Zeit in sein Wohlergehen. Es ist aber auch eine Zeit, die Gedanken aus der Arbeitswelt loszuwerden, sich und seine Energie auf diese Tätigkeit zu konzentrieren. Beim Kochen haben wir aber auch die Gelegenheit, Dankbarkeit und Wertschätzung für andere zu zeigen: z.B. für das Tier, das sein Leben dafür gelassen hat uns zu ernähren, oder auch für die Menschen, die dieses landwirtschaftliche Produkt, das wir verarbeiten, erzeugt haben. 

Genuss und Sucht: der Konsum psychogener Substanzen wie Alkohol, Nikotin etc. ist ein Spiel mit dem Feuer – zu oft verschwimmen die Grenzen zwischen Sucht und Genuss. Im Umfeld eines „BurnOut“ treffen wir leider zu oft auf den Missbrauch psychogener Substanzen. Bewusst lebende Menschen werden sich schon hin und wieder auch ein gutes Glas Wein, einen Cognac oder Single Malt als Genussmittel gönnen, vielleicht auch die eine oder andere Cigarre. Doch es wird immer beim bewussten und maßvollen Genuss bleiben.

Grenzziehung: ist ebenfalls eine direkte Konsequenz der Selbst-Wertschätzung, gleichzeitig aber auch ein Kernelement sowohl der Service Excellence als auch des Haushaltens mit den eigenen Kräften. Warum können so wenige Menschen Grenzen ziehen und auch mal „Nein“ sagen? 

Nun, an dieser Stelle verweise ich gerne auf meinen Artikel zum Thema Service Excellence aus 02/2019 im Private Banking Magazin. In der Vertiefung müssen wir trennscharf werden: da ist zum Einen die falsch verstandene Dienstleistungsauffassung seit den 1970ern. Obama gewann die Wahlen mit „Yes we can“, und seit 15 Jahren arbeitet eine Hotelgruppe mit dem selben Slogan. Dieser suggeriert, dass Ziele nur mit einem „Ja“ zu erreichen seien. Doch für die eigene Gesundheit ist es unabdingbar, hin und wieder auch „Nein“ zu sagen. Und zwar ohne Rechtfertigung, dafür aber standhaft. Einfach nur: „Nein“. Und wenn einer nach dem Grund fragt? „Weil ich das nicht möchte.“ Punkt. Einfach so? Ja! Weil ich meiner Selbst und meiner Grenzen bewußt bin, daher weiß ich, dass ein falsches „Ja“ zu Ergebnissen führen würde, die den beteiligten Menschen und der Sache nicht angemessen wären. 

Auf der anderen Seite kommt „New Work“ daher und versucht die Arbeitswelt mit dem Privaten zu vermischen. Um diese Übergriffigkeit „sozialverträglich“ darzustellen, wurde der unsägliche Begriff der „Work-Life-Balance“ erfunden. Als ob Arbeiten nicht zum Leben gehörte. Manche Firmen, bezeichnenderweise auffallend oft mit digitalen Geschäftsmodellen, deklinieren das bis zum Ende durch und erschaffen ihre eigene, gehirnwaschende Scheinwelt: die Mitarbeiter wohnen auf dem „Campus“, als sei Arbeit eine lockere Fortsetzung des Studentenlebens. Alles geschieht gemeinsam: Frühstücken, Arbeiten, Sport in der Mittagspause, wieder Arbeiten, bis hin zum gemeinsamen Sundowner auf der Firmen-Dachterrasse. Das führt uns direkt zum nächsten Punkt:

Betreutes Leben in Echokammern: Die zuletzt geschilderte Firmenblase ist aber nur ein Teil einer größeren Gleichung: die (a)sozialen Medien und die allgegenwärtigen, unsere digitalen Datenspuren auswertende KI erzeugen – von Amazon über Facebook, Google, Netflix, PayBack und Sky bis Zalando – eine Echokammer, in der uns nur noch gezeigt wird, was uns – der Analyse nach – zu interessieren hat. Und nur das. Dadurch wird unsere Weltsicht erheblich eingeengt. – Kultur, Theater, klassische Literatur und klassische Musik sind „Gehirn-Nahrung“ und erhalten einen weiten Horizont. Lesen Sie doch einmal wieder Hegel, Nietzsche oder Freud, Shakespeare, Goethe, Schiller oder Lessing. Hören Sie doch mal statt Chart-Radio, Schlager und Jammer-Pop einmal ein Bach-Oratorium, Haydn oder Vivaldi… muss ja nicht gleich Mahler oder Wagner sein.

Schlaf: Jeder Mensch hat ein individuelles Schlafbedürfnis, und einen eigenen Bio-Rhythmus. Diesen zu missachten führt zwangsläufig zu Leistungsverlust und Raubbau am eigenen Körper. Die LMU München hat sogar nachgewiesen, dass die Missachtung des eigenen Chronotyps ein 11% höheres Risiko zeitigt, sich cornonare Erkrankungen einzufangen. Im Umkehrschluss ist es also ein Ausdruck der Wertschätzung sich selbst gegenüber, seinem Körper genügend Schlaf im richtigen Bio-Rhythmus zu gewähren – ohne Störfaktoren.

Zeit-Management: ist mit dem Thema „Schlaf“ artverwandt, denn dazu gehört es, sich seine Ruhepausen auch tagsüber einzuplanen. Es geht um meine(!) Lebenszeit, Gesundheit – und Lebensqualität. Ebenfalls dazu zählt es, die Notwendigkeit und Effizienz von Meetings (oder sind es Meatings?) zu hinterfragen, und die Teilnahme davon abhängig zu machen, ob es wirklich zielführend ist. Genauso wie: rechtzeitig zu einem Termin loszufahren, nicht jedes Telefonat im Auto zu führen, um erholt und leistungsfähig am Zielort anzukommen. 

Zum Thema Zeit-Management gehört auch die Demaskierung des Märchens vom Multitasking: wir haben 100% Aufmerksamkeit, die wir fokussieren können. Wer glaubt, dass Aufmerksamkeit sich durch Teilung vermehren könnte, irrt schlichtweg. Der Mensch hat nur die Chance, die Dinge nacheinander abzuarbeiten. Daher sind Priorisierung und Fokussierung, und das anschließende Loslassen so wichtig. Das ist auch der Inhalt des Zen-Zitates: „Wenn ich esse, dann esse ich | wenn ich gehe, dann gehe ich | wenn ich arbeite, dann arbeite ich“.

3) Fazit: 

Es ist schon interessant: die meisten Menschen gehen mit sich selbst  geringschätzender um als mit ihrem Auto. Wenn da eine Warnlampe aufleuchtet, geht es sofort in die Werkstatt. Beim Umgang mit sich selbst scheint das den meisten egal zu sein.

Das Haushalten mit den eigenen Kräften ist ein Akt der Selbst-Wertschätzung und eine Massnahme der BurnOut-Prävention – setzt aber voraus, dass wir uns unseres eigenen Selbst bewusst sind, unsere Grenzen kennen und sie respektieren. 

Gerade in der Finanz-/Vertriebs-Welt ist das „immer schneller, höher, weiter“ sehr verbreitet. Ehrgeiz in Maßen ist sicher ein positiver Motivator. Gier hingegen eher weniger. Werden wir uns also bewusst, was uns wirklich antreibt.

Jeder Mensch trägt Verantwortung: für die Familie, für das Team, sein persönliches Umfeld – insbesondere aber für sich selbst, als „Unternehmer des eigenen Lebens“. Keinesfalls darf also das „Haushalten mit den eigenen Kräften“ als Alibi oder Rechtfertigung für Leistungsverweigerung herhalten. 

Vielleicht würde es uns allen gut tun, wenn wir uns daran erinnern, dass der Geist eines jeden Arbeitsvertrages die Übereinkunft ist, dass der Arbeitnehmer seine Arbeitskraft zu erhalten, und dass der Arbeitgeber den dafür nötigen Rahmen zu stellen hat.

Lassen Sie mich also mit dem geflügelten Satz aus meiner Einleitung schließen:

„Machen ist wie Wollen – nur krasser!“

Autor: Ferenc von Kacsóh
Ferenc von Kacsóh - Hotelmeister, Unternehmer und Netzwerker - hat nicht nur über 25 Jahre Führungserfahrung, sondern hat auch Hoteliers als Unternehmerberater in herausfordernden unternehmerischen Phasen begleitet. Neben Service Excellence und strategischer Geschäftsentwicklung spielten (Hotel-)Immobilien schon immer eine große Rolle. Das Interesse an Menschen und ihren Beweggründen hinter den Verhaltensweisen ließ ihn Fortbildungen absolvieren, die prima vista so gar nichts mit dem Ursprungsberuf zu tun hatten. Als Co-Founder und COO der PARITER|fortis Family Office Sozietät koordiniert der heute 50-Jährige die Projekte der Themenbereiche Kapitalvermittlung, Hotels, Immobilien, Stiftungen und Consulting.
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